Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wie Sie sicherlich bereits aus unterschiedlichen Medien erfahren haben, habe ich zur Stadtverordnetenversammlung am 29. August 2011 den Antrag gestellt die Beauftragung zur Durchführung des Hessentages 2013 an die Landesregierung zurück zu geben und den Hessentag nicht mehr zu veranstalten.

Ich möchte Sie als Bürger unserer Stadt aber auch auf diesem Weg über meine Beweggründe informieren.

Sie wissen, dass ich mich ganz persönlich für die Ausrichtung eines Hessentages in Vellmar eingesetzt, dafür geworben und auch darum gekämpft habe. Stets angetrieben von der Überzeugung, dass die sich uns bietenden Chancen größer sind als die Risiken. Was veranlasst mich nun einen solchen Antrag zu stellen und was sind die Beweggründe für diesen Schritt?

Es gibt dafür aus meiner Sicht zwei Hauptgründe:

1.   Die Finanzsituation der Stadt Vellmar hat sich bis heute im Vergleich zum Zeitpunkt der Erneuerung unserer Bewerbung in 2008 erheblich verschlechtert. Im Jahr 2008 hatten wir noch einen ausgeglichenen Haushalt. In den letzten Jahren hatten wir durch Einführung der Doppik und Rückgänge bei den Einnahmen entsprechende Haushaltsdefizite in einer Größenordnung von rund 2,5 Mio. € pro Jahr. Die finanzielle Handlungsfähigkeit ist mittlerweile deutlich eingeschränkt.

Eine deutliche Verbesserung in naher Zukunft ist nicht in Sicht, die kommunale Selbstverwaltung ist durch die mangelnde Finanzausstattung der Kommunen gefährdet und das nicht nur in Vellmar. Wenn man bei der Betrachtung der Probleme der kommunalen Haushalte in den letzten Jahren die Beschwerde führt, dass wir im Hinblick auf die Wahrnehmung unserer Pflichtaufgaben vor teils unlösbaren Problemen stehen, dann ist nicht mehr darstellbar gleichzeitig eine freiwillige Veranstaltung in der Größenordnung eines Hessentages durchzuführen. Eine solche Entscheidung muss unter solchen Voraussetzung nachträglich in Frage gestellt werden. Das aktuell veröffentlichte Defizit des Hessentages 2010 in Stadtallendorf von 5,9 Mio. € (nach den Regeln der doppischen Haushaltsführung, nach alter kameraler Berechnung 3,9 Mio. €) hat mich in dieser Auffassung bestätigt.

2.   Die Erfahrung in anderen Hessentagsstädten hat gezeigt, dass die Veranstaltung nur dann erfolgreich vorbereitet, durchgeführt und abgeschlossen werden kann, wenn der Hessentag durch eine breite politische Basis getragen wird. Dies war auch Voraussetzung bei der Vergabe durch die Landesregierung. Ich sehe diese Voraussetzung in Vellmar als nicht mehr gegeben an. Es ist davon auszugehen, dass wir in der weiteren Vorbereitung von Projekten und der Veranstaltung insgesamt in den politischen Gremien äußerst kontroverse Diskussionen erleben werden. Die zwingend notwendige große politische Unterstützung auf dem weiteren Weg wird nicht zu erreichen sein. Inhaltlich zerstrittene politische Gremien bilden keine Basis für notwendige Beschlüsse mit solcher Tragweite.

Bei allem persönlichen Engagement und Einsatz für den Hessentag 2013 sehe ich mich als hauptamtlich gewählter Bürgermeister in der Verantwortung, die Situation anhand der Entwicklungen in den letzten drei Jahren neu zu bewerten und Entscheidungen der Vergangenheit auch offen und ehrlich zu hinterfragen.

Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass aktuelle Themen wie die globale Finanzkrise aber auch lokale Themen wie „Stuttgart 21“ die Menschen in unserem Land in letzter Zeit erheblich sensibilisiert haben und das ist auch richtig! Die Menschen haben insbesondere Ängste beim Blick auf die öffentlichen Finanzen, nicht nur in Griechenland auch in der Bundesrepublik und in unserem Bundesland Hessen. Diese Entwicklung macht selbstverständlich auch nicht vor der „kleinen Kommunalpolitik“ halt. Die aktuellen Diskussionen in unserer Bevölkerung zu dem Projekt „Rathaus/Parkhaus“ und das damit verbundene Bürgerbegehren bestätigen dies auch für Vellmar.

Wir müssen uns dieser gesellschaftlichen Entwicklung stellen und die Sorgen der Menschen sehr ernst nehmen. Gerade wir vor Ort machen nach wie vor sehr direkt Politik für die Bürger in unserer Stadt. Dabei werden wir uns in Zukunft aufgrund der Finanzsituation noch stärker auf unsere Pflichtaufgaben konzentrieren und deshalb eine „Kür“ wie den Hessentag in Frage stellen müssen, auch wenn eine solche Veranstaltung unbestrittene Chancen für die Entwicklung einer Kommune bietet.

Ebenso hat sich in den letzten Wochen und Monaten gezeigt, dass die Baustelle der TRAM nicht nur bei den Geschäftsleuten am Rathausplatz Spuren hinterlassen hat. Weitere geplante Baustellen im Stadtgebiet unter dem zeitlichen Druck der Fertigstellung vor dem Hessentag verunsichern die Bürger und werden zu einer geringeren Akzeptanz der Projekte und der Veranstaltung insgesamt führen. Der Hessentag hat insbesondere die Aufgabe die Menschen zu vereinen und positiv zu bewegen und eben nicht Konfrontationen in der Gesellschaft aufzubauen.

Ich komme deshalb zu der Einschätzung, dass unter den veränderten Bedingungen die Risiken die Chancen zwischenzeitlich überwiegen. Aus diesem Grund möchte ich rechtzeitig eine mögliche negative Entwicklung verhindern und damit die intakten sozialen Strukturen in unserer Stadt nicht belasten.

Betonen möchte ich ausdrücklich, dass alle bisher am Projekt Beteiligten mit höchstem Engagement die Veranstaltung bis heute hervorragend vorbereitet haben. Dafür darf ich mich herzlich bedanken. Ich bin mir sicher, dass Vellmar ein hervorragender Gastgeber des Hessentages 2013 wäre. Allerdings bleibt festzustellen, dass auch bei bester Vorbereitung der Veranstaltung die Finanzierung gewährleistet und die Veranstaltung gemeinsam politisch getragen werden muss, dies ist unter den gegebenen Umständen nicht mehr der Fall.

Ich gehe davon aus, dass wir in künftigen Gesprächen noch vertiefter über das Thema diskutieren werden, ich stehe Ihnen dazu selbstverständlich zur Verfügung. Abschließend bitte ich Sie um Verständnis, dass ich mich nach langer, reiflicher Überlegung zu diesem Schritt entschieden habe. Ich bin davon überzeugt, dass es langfristig die richtige Entscheidung für unsere Stadt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Dirk Stochla
Bürgermeister